München, 15. März 97

 

 Kurzentschlossen fahre ich nach München, wo Samarpan dieses Wochenende sein wird. Und wieder findet die Satsang-Veranstaltung in einer Heilpraktiker-Praxis statt. Als ich kurz vor knapp ankomme, sitzen schon alle in Stille. Samarpans Stuhl vorne ist noch leer. Ich bin ganz schön aufgeregt: Gleich werde ich Samarpan wieder sehen. Huuuuaaaaa!! Und da kommt er auch schon, geht nach vorne zu seinem Stuhl, dreht sich uns zu, begrüßt alle reihum mit vor dem Gesicht zusammengelegten Händen und nimmt Platz. Ich ahne mittlerweile, dass Samarpan so etwas wie ein Meister ist oder zumindest von einigen so gesehen wird und denke: ‘Gut, dass ich das nicht vor meiner ersten Begegnung mit ihm wusste, sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht erst hingegangen.’ Dabei erinnere ich mich an die Unterhaltung mit einem Bekannten vor einigen Monaten, der ganz euphorisch von seinem indischen Meister sprach, woraufhin ich bei mir dachte: ‘Was macht der nur für ein Aufhebens? Wozu braucht man/frau/ich einen Meister? Ich bin mein eigener Meister. Der wahre Meister, so heißt es doch überall, ist in einem selbst.’ Und jetzt sitze ich plötzlich selbst zu den Füßen eines Meisters!

 

 Stille. Schöne, entspannte Atmosphäre. Und obwohl ich hier fremd bin, habe ich trotzdem das Gefühl, unter Freunden zu sein. Wie wunderbar.

 

 Schließlich nimmt Samarpan beide Hände vor das Gesicht und stimmt die Silbe ‘OM’ an, in die alle einfallen. Als es ausgeklungen ist, sagt er mit geschlossenen Augen:
 

 „May there be peace in the heart of every being in the universe. OM Shanti Shanti Shanti. Namaskar. Welcome to Satsang.“

 

 Der Satsang ist eröffnet und zunächst sitzen wir erst einmal in Stille da. Ich weiß nicht, ob Samarpan mich schon gesehen hat; ist mir aber auch nicht so wichtig. Schön, dass ich ihn wiedersehe.

 

 „Es wunderschön, Hier zu sein“, beginnt Samarpan mit einem Lächeln. „Sei einfach immer Hier. Dieser Moment ist perfekt; genauso wie er ist. Es ist nur unser Urteil über diesen Moment und was er beinhaltet, was die Schönheit dieses Momentes stört. Lassen wir unser Urteil fallen, ist da nichts verkehrt.“

 

 Eine Zeitlang herrscht Stille.

 

 „Samarpan? Was bedeutet eigentlich diese Geste zu Beginn und am Ende des Satsang?“
 

 „Es bedeutet ‘Namaste’,“ Samarpan führt beide Handflächen vor dem Mund zusammen: „was soviel heißt wie: ‘Grüß Gott.’ (Alles lacht.) Oder genauer gesagt: ‘Ich grüße den Gott in Dir. Ich grüße das Göttliche in Dir.’ – Du bist das Göttliche. Alle Menschen tragen den Buddha in sich. Das ist die Wahrheit. Du bist nicht getrennt von Gott. Niemand ist getrennt von Gott. Jede Trennung ist nur eine Illusion. – Schaut: Wenn wir in der Wahrheit zusammenkommen, geschieht Satsang. Satsang heißt: ‘Zusammenkommen in Wahrheit’. Im Satsang sind wir alle eins. Und das ist die Wahrheit. Wir sind tatsächlich alle eins. Ob inner- oder außerhalb des formellen Satsang. Satsang, die Wahrheit, Gott ist überall.“
 

 Ganz klar ist mir das nicht und auch wenn ich ein etwas komisches Gefühl habe, hier als Gast von außerhalb gleich am Anfang etwas zu sagen, so fasse ich mir doch ein Herz:
 

 „Samarpan, aber ist es denn nicht so, dass wir alle Tropfen aus dem Ozean der Liebe sind, der Gott ist, und wir uns erst irgendwann in der Zukunft wieder in der Einheit treffen?“
 

 „Das ist eine Vorstellung“, entgegnet Samarpan. „Sie weist auf die Wahrheit hin, aber die Wahrheit ist: Du bist der Ozean. Jetzt.“
 

 Jetzt bin ich völlig verdutzt und frage schnell nach:
 

 „Ich bin der Ozean? Und Du bist der Ozean? Das heißt: Wir sind eins?“
 

 Samarpan nickt, und ich stöhne:
 

 „Puuuh, das ist schwer zu verstehen.“
 

 „Es ist nicht schwer zu verstehen. Es ist unmöglich zu verstehen. Der Verstand kann es nicht verstehen.“
 

 Puuuuuuuh! Urplötzlich steigt in mir ein totaler Sehnsuchtsschmerz hoch. Heul. Ich habe solch eine Sehnsucht, wieder daheim bei Gott zu sein. Und wenn ich auch das Gefühl habe, ganz dicht dran zu sein, glaube ich doch, dass da noch irgendetwas fehlt. Sonst hätte ich ja nicht diese Sehnsucht. Dass Samarpan dort ist, daran gibt es für mich keinen Zweifel. Weinend sage ich:
 

 „Ich habe das Gefühl, Du bist dort, und ich bin hier. Und obwohl ich Dich sehe, trennt uns doch ein ganz dünner Vorhang.“ Und ich weiß nicht, wie ich ihn wegkriegen soll!!!

 

 Heul! – Samarpan sagt nichts, sondern schaut mich nur unendlich liebvoll an. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll, da ist solch ein Wahnsinnsschmerz in meiner Brust! Doch wie schon beim letzten Mal löst sich auch jetzt wieder von einer Sekunde auf die andere alles in Luft auf. Fragend sehe ich Samarpan an, und er erklärt:
 

 „So ist es mit all unseren Gefühlen. Solange wir vor ihnen davon laufen, jagen sie hinter uns her. Aber sobald wir innehalten und sie einfach fühlen, sobald wir sie uns im Licht der Wahrheit betrachten, lösen sie sich in Luft auf; wie Vampire im Tageslicht. Ganz einfach.“

 

 Kurze Mittagspause, dann der Nachmittag-Satsang und Samarpan spricht davon, dass es unsere Wünsche sind, die uns davon abhalten, den gegenwärtigen Moment zu genießen.
 

 „Wenn Du einen Wunschtraum hast, von dem Du glaubst, dass Dich dessen Erfüllung glücklich machen würde, dann schaue Dir diesen Traum genau an. Finde heraus, ob das die Wahrheit ist.“

 

 Mir ist es ein wenig unangenehm, schon wieder etwas zu fragen, nachdem ich schon soviel Zeit für mich in Anspruch genommen habe, aber egal:
 

 „Samarpan, ich habe den Traum, irgendwann einmal als Rockstar auf der Bühne zu stehen. Ist da etwas falsch dran?“
 

 „Da ist nichts falsch dran, aber die Vorstellung, dass Dich dies glücklich machen würde, ist nicht die Wahrheit, sondern nur eine Vorstellung.“
 

 Fragend sehe ich Samarpan an, und er fährt fort:
 

 „Stell Dir einfach einmal vor, Du stehst auf der Bühne, alle Mädchen werfen Dir kreischend ihre Zimmerschlüssel auf die Bühne, und Du hast die freie Auswahl.“

 

 Alles lacht, und ich denke: Ja, das hört sich gut an.

 

 „Das mag sich auf den ersten Blick toll anhören“, fährt Samarpan fort, „aber wenn Du genauer hinschaust, erkennst Du, dass es nur eine Illusion ist. Aber Du musst sehr genau hinsehen, denn wir leben in einer solch guten Illusion. Sie sieht sehr real aus. – Träume führen dazu, dass wir in der Zukunft sind, nicht Hier, nicht in diesem Moment. Aber Glücklichsein ist NUR Hier. NUR Jetzt.“
 

 „Und Samarpan? Wie steht es mit unseren irdischen Aufgaben, die wir zu erfüllen haben. Ist das auch ein Traum? Als ich vor einigen Jahren ein Nahtoderlebnis hatte, stand ich vor der Wahl, in dieses Licht, was ich vor mir sah, zu gehen, entschied mich dann jedoch, wieder in den Körper zurückzukehren, weil hier noch unerledigte Dinge – wie unter anderem mein Studium – auf mich warteten. Ich glaube, ich muss erst beweisen, dass ich in der Lage bin, mit diesem Leben hier auf der Erde klarzukommen, bevor ich wieder zurückkehren kann.“
 

 „Ich verstehe, aber das ist nur eine Vorstellung, ein Glaubensatz. Du musst überhaupt nichts tun. Das alles ist nur ein Traum. Lasse mich Dir eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Mann, der eines Nachts von Einbrechern im Schlaf überwältigt und entführt wurde. Als sie ihn frei ließen, befand er sich mitten in einem riesigen Wald. Einige Tage irrte er umher, bis er an eine Hütte kam. Im Inneren saß ein alter, weiser Mann, der ihm sagte: ‘Du träumst dies alles nur. Wach einfach auf.’ Im selben Moment erwachte er in seinem eigenen Bett bei sich zu Hause. Er war überhaupt nicht weg gewesen.“

 

 Totenstille.

 

 „Du! Bist! Dieser! Mann! Du bist nie von Gott getrennt gewesen! Wach einfach auf, Du bist zu Hause.“
 

 Ich höre Samarpans Worte und denke: Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein.

 

 Schließlich ist der Satsang zu Ende, und Samarpan sowie alle anderen bleiben in Stille zum Teil mit geschlossenen Augen sitzen.

 

 Mmh, ich merke, wie ich große Lust hätte, zu ihm nach vorne zu gehen und ihn zu fragen, ob ich mich auf seinen Schoß setzen kann; aber sofort ist da der Gedanke: Das kann ich unmöglich tun! Ich bin doch kein Kind mehr! Und was sollen denn all die Leute hier denken?

 

 Minutenlange Stille.

 

 Mein Gott! Ich bin hin und her gerissen und hoffe inständig, dass Samarpan endlich aufsteht und meinem inneren Konflikt damit ein Ende bereitet! Doch er sitzt einfach nur da, friedlich und still. Scheiße, was soll ich machen? Ich würde so gerne zu ihm gehen. Weitere endlose Sekunden vergehen. Puuuh! Ich halte es kaum aus und möchte ihm am liebsten zurufen. ‘Samarpan! Jetzt gehe doch endlich!’ Aber natürlich sage ich nichts. – Doch da, plötzlich … hält es mich nicht mehr am Platz; ich sehe mich aufstehen und nach vorne gehen, wo ich vor ihm stehen bleibe und mit leiser Stimme frage:


 „Can I sit on your lap?“

 

 Statt einer Antwort breitet Samarpan beide Arme aus. Mir schießen die Tränen in die Augen und während ich mich setze, habe ich das Gefühl: Dies ist der Moment, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe: Ich bin wieder daheim! Weinend schlinge ich meine Arme um ihn, lege meinen Kopf auf seine Schulter und schluchze, wie ich in meinem ganzen Leben noch nie geschluchzt habe, während Samarpan mich einfach nur liebevoll umarmt hält. Und ich fühle mich unendlich geborgen. Alles ist gut. Nichts kann mehr passieren.

 

 Minutenlang werde ich immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt, bis der Schmerz nach und nach abflaut und schließlich ganz weg ist. Nur noch tiefster Frieden.

 

 Stille.

 

 Wieder vergeht einige Zeit, in der ich ganz in diesem Frieden ruhe, bis ich mich schließlich frage, was ich hier eigentlich mache? Ich hebe meinen Kopf, sehe all die vielen Leute an, deren Blicke auf mir ruhen, und empfinde unendliche Dankbarkeit.

 

 Puuuuuh!

 

 Dann wende ich mich Samarpan zu, schaue ihm ihn die Augen und während ich darin versinke, weiß ich:

 

 Das sind die Augen Gottes.